FREUD UND LEID

Uns allen fiel der Abschied aus Berlin schwer, aber für Luis war der Umzug nach Australien wohl die größte Herausforderung. 

An der amerikanischen Schule fühlte er sich pudelwohl, seine Lacrosse-Mannschaft hatte gerade einen tollen Erfolg bei der DM gefeiert und mit den beiden besten Buddies verband ihn seit unserer ersten Woche in Deutschland vor sieben Jahren eine enge Freundschaft. Eine, wie sie nur selten zu finden ist.

Weil das Schuljahr auf der Südhalbkugel im Januar beginnt, musste er zu alledem noch einmal in die 9. Klasse zurück. Und da die Winterferien in Australien schon Mitte Juli enden, war für Luis die Sommerpause bereits nach 14 Tagen wieder vorbei und er hatte seinen ersten Schultag. 

Kleiner Trost: Luis' neue Schule in Sydney hat ein wirklich GROSSARTIGES Sportangebot: Segeln, Rudern, Rugby, Klettern, ... 

Da fällt die Wahl schwer. Dachten wir.

Für unseren Sohn dagegen war die Sache sofort klar: "Wenn ich schon in der schönsten Stadt der Welt lebe und hier die Gelegenheit habe, zwischen Walen und Delphinen zu segeln ... oder bei Sonnenaufgang in der Bay von Sydney zu rudern, dann... 

 ... spiele ich natürlich Fußball!"


Wir Eltern haben diese Entscheidung natürlich sofort akzeptiert. Fragen uns seitdem jedoch ständig, ob es vielleicht doch ein Fehler war, ihn mit zum WM-Training der Damennationalmannschaft zu nehmen. 

Wie dem auch sei: Fußball ist zu alledem ein "representative sport" und das heißt: an jedem Samstagvormittag finden Spiele gegen andere Schulen statt. Irgendwo im Großraum Sydney. Fahrtzeit nicht unter einer Stunde.

An den vergangenen Wochenenden hieß es für uns also regelmäßig, um 7 Uhr aufstehen, eine Stunde durch die Gegend fahren - und dann am Spielfeld in der Kälte stehen (hier ist Winter!), um eine Gruppe Halbwüchsiger anzufeuern.

Bei Luis zeigte sich hin und wieder, dass er eine gewisse "Körperlichkeit", die beim Lacrosse durchaus üblich ist - dort allerdings mit Helm und Schutzkleidung - auch im Fußball mit einbringt.

    

    

   

Allerdings habe ich den Verdacht, dass auch der Torwart seiner Mannschaft eine Vergangenheit in einer etwas "konfliktiveren" Sportart hat....   



Nach drei absolvierten Spielen erfuhren wir zu unserer Überraschung, dass unsere Jungs im Finale der diesjährigen Meisterschaft stehen. 

Die hiesige Winterspielsaison hatte schon einige Wochen vor unserer Ankunft begonnen - wir waren mitten in der heißen Endphase der Schulliga gelandet!

Die enthusiastische Reaktion der anderen Eltern verwunderte uns nur kurz, denn wie sich herausstellte, hat in den vergangenen 10 Jahren kein Team der Redlands School einen Titel im Fußball geholt. Und so war der Einzug ins Endspiel bereits ein riesiger Erfolg. 

Umso größer nun die Aufregung vor dem letzten, entscheidenden Spiel. 

Das merkte man vor allem beim Warmspielen, denn beim Probekicken aufs Tor schaffte es kaum ein Ball zwischen die Pfosten.

Nach dem Anpfiff gaben die Jungs dann aber wirklich alles: 

   

   

Gegen einen Gegner, der sich beileibe nicht scheute, ordentlich zuzulangen.

    

   

Einige unserer Spieler wuchsen geradezu über sich hinaus:

Doch allen Bemühungen zum Trotz: der ganz große Wurf wollte dennoch nicht gelingen.

Und so stand es am Ende der Spielzeit trotz vieler guter Chancen immer noch 0:0.

Das Spiel ging also in die Verlängerung - und als auch dieses torlos endete, war die Spannung am Spielfeldrand mit Händen greifbar.

Elfmeterschießen.  

Kurze Besprechung mit dem Coach. Dann nahm die Mannschaft Aufstellung. 

Den Anfang machten die Gegner. Eine Granate flog ins Netz - 0:1.

Unser erster Spieler stand seinem Vorgänger in nichts nach - 1:1.

Der zweite Spieler der anderen lupfte seinen Ball unhaltbar in die Ecke - 1:2.

Auch unser zweiter Spieler - diesmal ganz lässig - verwandelte seinen Ball - 2:2.

Der nächste Gegner trat an - 

  ... und scheiterte an unserem grandiosen Torwart - 2:2.

Unser nächster Spieler verwandelte und wir gingen in Führung - 3:2.

Verunsichert durch das Unglück seines Vorgängers, traf auch der nächste gegnerische Schütze nicht wie erhofft. Und noch einmal parierte unser Torhüter souverän - 3:2.

Erleichterte Ausrufe von unseren Jungs, die mit angespannten Gesichtern das Geschehen beobachteten.  

Auch am Spielfeldrand wurde es ganz still. Der jüngste Spieler unserer Mannschaft, ein absolutes Ausnahmetalent, trat nach vorne. 

Wer, wenn nicht er, sollte hier ein für alle mal klare Verhältnisse schaffen? Er nahm Anlauf, schoß - 

               

... und konnte sein Unglück nicht fassen: Pfosten!

Der nächste Spieler der Gegner trat an den Elfmeterpunkt. 

Und schoss zum Entsetzen aller Redlands Fans den Ball unhaltbar ins Netz - 3:3

Ungläubigkeit bei Luis und seinen Freunden.

"Was für ein Alptraum", dachte auch ich.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Denn jetzt trat Luis nach vorne. 

Oh mein Gott! Wir hatten in den vergangenen Wochen auf seinen Wunsch immer mal wieder im Park nebenan mit ihm gekickt, einmal sogar schon morgens vor der Schule. Aber selbst ich hatte - mit den Händen angstvoll vors Gesicht geschlagen - die meisten seiner Schüsse aufs Tor noch erfolgreich abgewehrt. Warum um Himmels willen musste nun ausgerechnet er als letzter schießen?

Ich konnte es nicht mit ansehen, legte die Kamera zu Seite und schloss - unüblich für einen Fotografen - die Augen.

Um sie dann doch wieder zu öffnen und gerade noch mitzubekommen, wie Luis andribbelte, kurz verzögerte und dann - schoss.



Ein kurzer, ungläubiger Blick auf den Torwart der Gegner und er wandte sich ab.






Um in die Arme seiner Mannschaftskameraden zu fliegen.












4:3 für Redlands. Die Schulmeisterschaft! Grenzenlose Freude.



Die Heimfahrt verlief in euphorischer Stimmung - der Rest des Wochenendes auch.

Felix und ich hatten jedoch - außer der Meisterschaft - noch etwas anderes gewonnen, nämlich die Erkenntnis, dass es okay war, das "Risiko Umzug" einzugehen. Luis wird auch hier - am Ende der Welt und fernab all der vielen lieben Freunde - seinen Weg gehen.

Und: jedes einzelne erbitterte Familien-Ferien-Fußballturnier im kleinen Garten unserer liebsten Ahnis in der Türkei - zwischen Pool und Olivenbäumchen - hat sich ausgezahlt. :-)


Kommentare

  1. Wahnsinn- das freut uns so für Luis- Matchwinner- !!!

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    1. Ich kann leider nicht sehen, wer da so nett kommentiert hat - aber danke :-)

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  3. Das ist ja wie eine Foto Love Story ❤️

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  4. Und er solle eigentlich als Vierter schießen! Hatte dann aber den Coach gebeten, als letzter dran zu kommen, weil er dachten "Bis dahin ist eh' alles entschieden..." Hat ja prima geklappt :-)

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  5. Ich kann leider nicht sehen, wer kommentiert hat - aber ja, mindestens so viel Herzklopfen wie bei eine <3-Story....

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